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Aus dem Tief zum klaren JA ans Leben -1-

Im Zuge der Interview-Reihe in meinem Podcast „Neue Perspektiven“, fragte ich die InterviewpartnerInnen, ob sie Lust hätten ihre Geschichte aufzuschreiben, denn beim Schreiben kommen oft noch ganz andere oder mehr Aspekte zum Vorschein, die auch für dich interessant sein könnten.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es nicht ganz einfach ist den Anfang dabei zu finden und tatsächlich zu formulieren, was da so alles zum Tragen kam.

Wie schon im Podcast angesprochen,  gehen einige der Frauen den Weg an die Öffentlichkeit zum ersten Mal mit mir gemeinsam.

Ich bin von Herzen dankbar für das Vertrauen, das mir jede Einzelne entgegen bringt.

 

Der erste Bericht in dieser Reihe kommt von Lydia Gajewsky.

Lydia schreibt auf ihrem Blog:

 

Mein Lebensweg gleicht einem Regenbogen

bunt und schillernd,

nicht an jeder Stelle klar und deutlich erkennbar,

dennoch zielgerichtet und harmonisch geschwungen

und erst durch das Zusammenspiel von Regen und Sonne richtig schön.

 

…was meiner Meinung sehr gut zu ihr passt.

Danke Lydia – ich freue mich auf das Interview!

 

 

Vom Opfer zur Schöpferin

Mein Opfer-Leben:

Behinderter jüngerer Bruder, Vater immer unterwegs, Mutter überfordert und über-kontrollierend, immer zu wenig Geld im Haus, einziges Arbeiter-Kind auf der Elite-Schule, bei allen Mitschülern unbeliebt weil Klasse übersprungen, weil im Unterricht gelangweilt. In einem Gebetskreis gelandet, völlig auf Kirche fixiert, uneheliches Kind bekommen, aus dem Kirchen-Job rausgeflogen, mit dem Kindsvater ziemlich unglücklich verheiratet. Herzrhythmusstörungen, Panikattacken, drei Jahre abhängig von Sedativa,  finanziell völlig ausgenommen bei der Scheidung, Sorgerechtsentzug für das Kind, Vater mit Kind 500 km weggezogen.

Von einem Geschäftsführergehalt als Akademikerin zum Schichtdienst-Teilzeit-Check-In-Job am Airport mit 38 Jahren. Der nächste Partner nach einem Jahr insolvent, Schuldenberg, über einen Call-Center-Job zum öffentlichen Dienst gewechselt, Personalverantwortung, Anerkennung – Langeweile…. Und ständig Geldsorgen.

Inzwischen bin ich 59 Jahre alt. Meinen 55. Geburtstag feierte ich als Kindergeburtstag – mit Ponyreiten, Kartoffelsalat und Kutschfahrt. Das war mitten in der Phase, als ich nicht mehr wirklich laufen konnte und mir alles einfach nur noch zu viel war.

 

Wie es dazu kam?

April 2006: neuer Job im Außendienst einer Firma im Ruhrpott und Aufbruch nach Ostfriesland. Wir wollten ein Ferien- und Wochenendcafé mit ein paar Ferienwohnungen betreiben und ich wollte eine Beratungspraxis mit Trainings-Organisation im eigenen Veranstaltungs- und Schulungsraum einrichten. Seit zwei Jahren verbrachten wir die meisten Wochenenden mit dem Pendeln zwischen Rhein-Main-Gebiet und der Küste und schauten uns ein Objekt nach dem anderen an. Keins passte so richtig. Entweder stimmten die Lage oder die Größe nicht oder der Preis war utopisch. Fast ohne Eigenkapital war es sowieso fast schon übermütig, was wir da vorhatten.

 

Also zunächst mal zur Miete wohnen und dann vor Ort weitersuchen. Der Umzug war der Horror. Wir hatten viel zu viel und mein Mann konnte sich von nichts wirklich trennen. Wir schleppten tage- und wochenlang, fuhren jedes Wochenende oder auch über Nacht Transporter für Transporter über die 525 km Strecke hin und wieder zurück. Die Kosten zehrten die letzten Konto-Überziehungs-Reserven auf. „Ganz nebenbei“ erledigte ich meinen Außendienst-Job.

 

Irgendwann stand nur noch die allerletzte Fahrt an. Am Wochenende davor fuhr ich mit Freundinnen zu einem Wanderwochenende im Allgäu. Und dort brach ich mir das linke Sprunggelenk. Es gab genug „Hinweise“ meines Körpers, die das hätten verhindern können. Ich hatte eine Erkältung, nahm Grippemittel, morgens war der Impuls „ach – ich bleibe hier oben auf der Hütte – genieße die Sonne“ – und dann kam wieder der innere Antreiber dazwischen „Du hast Dich jetzt so drauf gefreut – das packst Du doch – die anderen warten …..“ Ich kam genau 500 m weit – und dann auf einem Quad mit der Bergrettung den Berg runter.

 

Dann ging erst einmal nichts mehr.

OP und Auszeit in der Klinik, anschließend 6 Wochen Gehen an Krücken. Als ich am 15. Dezember zum ersten Mal wieder auf beiden eigenen Füßen stand, standen alle Umzugskisten noch um mich herum und der Kleiderschrank war noch im Aufbau. Aber Weihnachten war scheinbar erst einmal alles in Ordnung. Wir wohnten zur Miete, richteten uns soweit ein – der neue Job machte Spaß, wir suchten weiter nach unserem Traumobjekt, erlebten viele Rückschläge mit Banken und Verkäufern – und unterschrieben im Mai 2008 einen Kaufvertrag. Ein Haus mit 100jähriger Geschichte: ehemals Bauernhof, ehemals Standesamt, ehemals Kneipe und Theatersaal und Restaurant. Übernahme und Einzug dann zum 1. September.

 

Am 25. August kam mein Mann nachts mit Blaulicht in die Klinik. 14 Tage stellten sie ihn auf den Kopf – mit wenig Ergebnis. In dieser Zeit zog ich unseren gesamten Hausrat um. Mit einer sinnlosen Masse an Zeug, mit wenigen Freunden (wir waren ja neu hier), in ein völlig heruntergekommenes, im Wesentlichen unbewohnbares Haus. Wir wollten das ja erst ausbauen – wie gesagt: Café, Ferienwohnungen, Beratungspraxis, schöne bunte Welt. Das heißt – ausbauen wollte es mein Mann. Kein Job, viel Zeit – also ideal um wieder eine Aufgabe zu haben – dachte ich.

Mein Mann ist seit damals nie wieder wirklich gesund geworden – das Haus hat ein paar Reparaturen erhalten – so viel halt ohne Budget (und ohne Eigenleistung!!) möglich war. Unser Wohnzimmer ist die ehemalige Kneipe – dort schlafen wir auch. Unser „Badezimmer“ ist Teil der Scheune und hat 3,5 qm mit maximal 16 Grad Raumtemperatur im Winter.

 

Das Thema Krankheit hat mich weiter begleitet. Im Frühjahr 2009 war ich zwei Tage nach einer Vorsorge-Untersuchung unter dem Messer und hatte eine Total-OP. Sechs Wochen Auszeit – dann wieder auf in den Außendienst. Ab 2010 konnte ich zunehmend weniger laufen – die Kraft in den Beinen wurde immer weniger und auf meinen Reisen wurde der Weg vom Bahnhof zum Hotel mit Koffer zur Tortur. Die Bedingungen im Außendienst waren hart. 60-Stunden-Wochen „normal“. Mehrere Reisen durch Deutschland pro Woche und abends Protokolle und Mails im Hotelzimmer schreiben.

 

Ich machte tapfer weiter.  Durchhalten war die Devise: „Andere schaffen das ja auch!“ Ich absolvierte „nebenbei“ eine Komplett-Ausbildung zum Coach und lernte dabei viel über mich. Im Mai 2012 dann der Komplett-Ausfall des linken Auges. Netzhautloch in der Makula – OP mit anschließend vierzehn Tage auf dem Bauch liegen zur Heilung. Eine Narbe im Sichtfeld erinnert noch heute daran. Zwei weitere OPs waren im Laufe eines Jahres nötig zur Stabilisierung der Sehleistung. Sechs Wochen später dann meine eigene Krankenhaus-Noteinlieferung mit Verdacht auf Bauchspeicheldrüsenentzündung. Gallenblasenentfernung im Dezember. Dann eine Leber-Teilresektion im Januar 2013. Intensivstation – 42 cm Bauchschnitt – und (wieder mal) sechs Wochen Auszeit. Opfer-Zeit!

 

Die Schöpferin in mir

wollte sich mit dem „nicht-Laufen-Können“ aber nicht zufrieden geben. Menschen, die es gut mit mir meinten, brachten mich mit wichtigen anderen Menschen in Kontakt: Ich war bei einer Energie-Heilerin, beim Osteopathen, bei einer Heilpraktikerin für klassische Homöopathie. Parallel dazu beschäftigte ich mich immer mehr mit dem was „in mir“ los war und der Frage, was eigentlich die Bremse „dahinter“ war.

 

Im Januar 2014 begann die Wende. Bei einem Ziele-Workshop sammelte ich erste Impulse, verstärkte diese durch Einzel-Coachings, und machte dann ab März meine erste Internet-/Skype-Challenge mit. Drei Monate lang lernte und übte ich, mich selbst zu lieben. Es fiel mir unglaublich schwer, die kleinen Tagesaufgaben zu absolvieren: „Bereite für dich selbst einmal am Tag eine Mahlzeit liebevoll zu – inklusive Tisch decken“ – „Creme Deinen Körper liebevoll nach dem Duschen ein“ – „Mache einen Spaziergang und achte dabei auf Dinge, für die du dankbar sein kannst“ – „Beantworte jeden Abend in Deinem Tagebuch die Fragen – wofür bin ich dankbar? -wem habe ich heute gut getan? – was habe ich heute Gutes für mich getan?“ – „Und jeden Morgen die Fragen – worauf freue ich mich heute besonders? – was an meinem Körper finde ich schön?“  Damit begann das Aufwärts-Gehen, das Wieder-Gehen-Können.

 

Zusätzlich bekam ich den Rat, eine Reha-Maßnahme zu beantragen. Sie wurde sofort genehmigt. Nach einem Tag wollten sie mich aber wieder heimschicken. Meine Gesundheit war zu instabil. Ich habe gebettelt und gefleht, dass ich bleiben durfte. Endlich akzeptierte ich, dass ich wirklich krank war, dass ICH Hilfe brauchte – und nicht nur anderen helfen kann/muss (egal ob das Ehemann 1 oder 2 oder Mama oder Bruder ist). Ich kam verändert zurück – im Herbst 2014 – und habe in meinem Leben vieles verändert. Frisur, Figur, Freizeitinhalte. Stück für Stück – und manchmal auch wieder ein bisschen zurückgerudert. Das Fitness-Studio war für eineinhalb Jahre gut für mich. Inzwischen ist Aqua-Jogging an diese Stelle getreten. Und wenn der Kurs rum ist, darf es Zumba sein. Die Freiheit, zu wählen brauche ich auch gegenüber meinen eigenen Plänen und selbst gestellten Aufgaben. Nur dann fühle ich mich als Schöpferin meines Lebens.

 

Und heute?

Bin ich Schöpferin meines Lebens. Wir haben 2017 und mein Leben spielt an drei Standorten: Vierzig-Stunden-Woche im Ruhrpott (oder auch mal im Home-Office in Kassel oder Ostfriesland) – Mutter und Bruder in Kassel betreuen – Mann und Haus und Garten und Enkel und Sohn in Ostfriesland.

 

Und immer dabei bin ICH. Und ich bin mir wichtig. Ich schenke mir Zeit – ich passe auf mich auf. Ich tue mir Gutes. Ganz zentral ist dabei der Wanderurlaub in Österreich – immer im Herbst – als Erneuerung der Reha-Maßnahme! Und ich gönne mir sooooooo viel Schönes: das Power-Spazierengehen nach der Arbeit zum Runterkommen. Schwimmen, Sauna, Massagen – die Fortbildung für Energiearbeit und Selbstfürsorge, die Zusatzausbildung im Coaching. Ich habe angefangen ein Buch zu schreiben. Ich mache bei Facebook-Challenges mit, um nicht einzurosten, frische fast täglich ein bisschen mein Portugiesisch auf (weil ich mit meinem Mann einmal im Jahr für eine Woche nach Lissabon fliege) und besuche Konzerte mit Freundinnen oder Kolleginnen. Hier mit einer Freundin einen Insel-Ausflug nach Spiekeroog, dort mit dem Enkel einen ICE-Ausflug zur Uroma – mein Leben ist bunt, meistens ein kleines bisschen zu schnell, aber zum ganz großen Teil positiv und vor allem LEBENDIG!

 

Mein Job ist NICHT mein Traumjob, auch wenn ich inzwischen im Innendienst bin, aber ich habe auf der letzten Coaching-Fortbildung für mich geklärt, dass ich ihn erst einmal behalte – und wie ich ihn für mich Sinn-erfüllend umgestalten kann. Und es wirkt! Ich bin zufriedener und geduldiger mit mir und den KollegInnen.

 

Ich habe das Gefühl, dass ICH sage, wo es in meinem Leben lang geht – und fühle mich nicht mehr überrollt, benachteiligt oder gezwungen. Ich habe Energie so viel ich brauche – und ich spüre, wann es zu viel wird mit den Aufgaben und Plänen – und manchmal gelingt es mir auch schon, früh genug STOP zu sagen. Nicht immer. Erst letzte Woche durfte ich spüren, wie es ist, wenn ich mal nicht gut genug aufpasse – da haben meine Beine mal wieder gesagt „nö – jetzt nicht mehr – mach mal langsam und bring wieder Ruhe rein!“ Mein Körper ist ein super gutes Warnsystem. Schmerzen oder Einschränkungen kann ich als Geschenke ansehen, die mir wichtige Hinweise geben. Eine gute Ratgeberin sagte zu mir „Du reagierst immer erst bei ROT – es wäre gut, wenn du schon das GELB spürst!“ Ja – stimmt! Das innere Team spricht mit mir. Ich darf darauf hören. Und daran arbeiten wir beide noch.

Lydia Gajewsky und ihr Blog Harle-Coaching

 

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Und welches Projekt wir sonst noch am Laufen haben?

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