Hören - Sehen - FühlenTipps

Die unterschiedliche Wahrnehmung der Gefühle

Hören – Sehen – Fühlen Teil 1

Gefühle werden sehr unterschiedlich wahrgenommen. Vor allem aber fällt es schwer, Gefühle anderer immer richtig einzuordnen.

Ich habe mich mal mit den Kindern hingesetzt und wochenlang unterschiedliche Gefühle gesammelt und sie darstellen lassen.

Zu Anfang fragte ich sie, wie es ihnen heute geht. Da kam ein „gut“ oder ein „schlecht“, mal auch „müde“ oder „genervt“. Das wars dann aber auch schon.

Ich forderte sie auf, sich unterschiedliche Gefühle auszudenken und sie uns still zu zeigen. Die anderen durften raten, welches Gefühl dargestellt wird.  Ich bat sie, nicht „gut“ oder „schlecht“ zu wählen, sondern sich auf einzelne Gefühle einzulassen.

Danach kam eine Diskussion auf, weil der Ratende das Gefühl völlig anders dargestellt hätte, als der jeweils Vorführende. So kamen wir da hin, dass sie erkannten, dass unterschiedliche Gefühle von unterschiedlichen Menschen unterschiedlich wahrgenommen und gelebt werden.

Der eine nahm das dargestellte Gefühl zusätzlich visuell wahr, ein anderer hörte, trotz Stille die Emotion. Wieder andere konzentrierten sich völlig auf das, was sie fühlten.

Wir suchten ein paar Gefühle aus und sie gaben alles in der Gruppe! Ich bin regelrecht zusammen gezuckt bei der Intensität, die plötzlich im Raum stand. Egal, ob positives oder negatives Gefühl, plötzlich kam sogar der Ruhigste aus seinem Schneckenhaus heraus. Aber es war sehr interessant, wer welches Gefühl wie darstellte. Und auch wie differenziert die Wahrnehmung sein kann, wie differenziert und bis ins kleinste Detail vermittelt werden kann.

Viele Menschen können Gefühle nicht differenziert zeigen oder wahrnehmen. Es ist aber wichtig, dass wir alle, die gesamte Palette Gefühle leben, ausleben und verstehen. Schließlich gehören alle zu uns, beim Einen ausgeprägter, beim Anderen weniger.

Das Wort „Negativ“… ich mag es nicht sonderlich gern … es ist irgendwie negativ behaftet und in Bezug auf die Gefühle (die ja was ganz Tolles sind),  lädt es die, um in Farben zu sprechen, dunkleren Gefühle mit noch mehr negativer Energie auf.

Wow, dreimal negativ in einem Satz und das aus meiner Feder…

Es lässt sich leider nicht vermeiden, ich werde das Wort weiter verwenden, aber ab jetzt ist es mit netten Farben belegt ;-) .

Ich persönlich habe lange Zeit gebraucht bis ich, in meinen Augen, negative Gefühle selbst leben konnte. War eher stolz darauf, sie nicht zu leben und fühlen zu müssen. Bis dann ein Punkt in meinem Leben kam, an dem ich sie kennenlernte. Sie standen plötzlich in der Tür, ohne vorher anzuklopfen. Was soll ich sagen, es tut verdammt gut, sie kennen gelernt zu haben! Viel Platz hatte ich zwar nicht, aber sie haben sich bei mir eingenistet, sie fühlen sich wohl bei mir.  Ich hab sie lieb gewonnen und kümmere mich immer mal wieder um sie.

Natürlich ist es typ-, erziehungs- und vorgeschichtsabhängig, wie intensiv man ein Gefühl lebt. Die ruhigeren Typen reagieren völlig anders, wenn sie genervt sind, als die forscheren Typen, denen man das schnell anmerkt.

Man kann nicht allen immer alles recht machen, weil man harmoniesüchtig ist. Oder jeden erst mal angrummeln, weil man unsicher mit anderen Menschen ist.

Es sind Unsicherheiten…in dem Umgang mit Anderen, das Verhalten Anderer einzuschätzen, eine Interpretation einer Situation oder weil sich der Andere völlig anders verhält, als man erwartet hat.

Deshalb ist es wichtig alle Gefühle kennenzulernen, zu wissen, was passiert da mit mir in welcher Situation, in welchem Gefühl.

 Mein Tipp:

Spiele mit anderen das Gefühlsspiel. Listet sie vorher in der Runde auf, besprecht, was möglich ist und was nicht. Es gibt zig Gefühle, selbst ich war erstaunt, wie viele wir aufs Blatt brachten. Spielt sie euch gegenseitig vor, gebt ihnen eine Farbe, gebt ihnen ein Bild, gebt ihnen eine Sprache, hört zu, was sie euch sagen möchten. Und dann versucht sie zu benennen. Manches Mal ist dies wirklich unmöglich … Gefühle fühlt man, deshalb heißen sie ja auch Gefühle. Für manch eines gibt es einfach kein Wort.

Aber was machen Gefühle mit uns?

Eben…genau! Sie lösen etwas aus oder besser, werden durch etwas ausgelöst. Meist ist eine Handlung voraus gegangen.

Jeder kennt sicherlich die Geschichte, in der ein Mann einer älteren Frau über die Straße hilft, sie freut sich und gibt der Dame an der Parkuhr das fehlende Kleingeld. Die wiederum ist so glücklich darüber, dass sie der Nächsten mit dem Kinderwagen die Treppe hoch tragen hilft u.s.w..  Diese Beispiele sind nicht realitätsfremd.

Geh zur Arbeit, lächle den Erstbesten, der dir über den Weg läuft an. Entweder schaut er dich sehr verdutzt an oder er lächelt zurück. Gehen wir davon aus, dass er zurück lächelt. In dem Moment begegnet er einer anderen Kollegin, die lächelt ebenfalls, weil er lächelt. Sie geht weiter, trifft auf den Nächsten…was macht der? Ich hoffe, er lächelt ebenfalls ;-)

So wie du in den Wald rufst, schallt es heraus….ein wahres Sprichwort!

Natürlich lässt sich das Spiel auch anders herum spielen. Gehe zur Arbeit und pöble den ersten Mitarbeiter an, den du triffst. Wetten, dass er nicht lächelnd weiter läuft ;-) .

Was ich damit erreichen möchte:

Ich möchte dich darauf aufmerksam machen, dass du eventuell ein ganz anderes Gespür für manch ein Gefühl hast, als dein Chef, dein Partner, dein Kind…

… dass ein aggressiver Chef nicht gleich bedeuten muss, dass er es tatsächlich auch ist. Er lebt vielleicht nur das Gefühl vollkommen anders aus, als du.

… dass ein bockiges Kind nicht unbedingt wirklich bockig sein will. Es könnte sein, dass es sich im Moment überfordert fühlt oder die jeweilige Situation nicht einschätzen kann und vorsichtshalber mit dem Gefühl reagiert, von dem es weiß, dass darauf reagiert wird.

Es gibt viele Beispiele….

 

 

6 Gedanken zu „Die unterschiedliche Wahrnehmung der Gefühle

  1. Liebe Damaris,

    was für eine wunderbare Idee, die Kinder die Gefühle darstellen zu lassen. Dieses Spiel begeistert mich, weil es mehr macht, als nur die Gefühle selbst auf neue Weise zu erfahren. Es ermöglicht ebenso die Erfahrung, andere in ihrer Andersartigkeit wahrzunehmen, gelten zu lassen und auch zu lernen sie besser zu verstehen. Diese Übung sollte in jeder Schule und in jedem Elternhaus ihren Platz finden. Großartig!

    Ich freue mich, dass Du mich über Facebook auf Deinen Blog aufmerksam gemacht hast. Hier werde ich sicherlich häufiger stöbern.

    Herzliche Grüße
    Claudia

    1. Liebe Claudia,

      lieben Dank für deine netten Worte!
      Es macht so viel Spaß mit den Kindern Dinge zu „erarbeiten“. Sie sind sehr frisch und unkompliziert in der Aufnahme und sagen uns unverblümt ihre Wahrheit ;-). Genau die Andersartigkeit wird dann zur Einigkeit und sie versuchen sich auch außerhalb unserer „Spiele“ mit der Wahrnehmung und Umsetzung.

      Deine Blogs finde ich sehr inspirierend, deshalb werde ich dort jetzt immer mal wieder anzutreffen sein!

      Alles Liebe,
      Damaris

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